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Arbeitsalltag - Im Gespräch mit Kunden Teil 2

Es öffnet mir ein kleiner Junge, der offensichtlich geniesst nicht in der Schule sein zu müssen. Ich hätte das auch gefeiert, denke ich für mich. Sein Vater schreitet zur Tür und bittet mich herein. Ein Mann von grosser Gestalt, ein Wolkenkratzer. Wir geben uns zur Begrüssung höflich nicht die Hand . Er zeigt mir den Weg in den Keller wo die Anlage steht dem ich einen Service unterziehe. Nach einer Weile sieht er wieder nach mir und fragt mich; „Möchten sie etwas zu Trinken? Ein Wasser, Kaffe oder ein Bier?“ Ich lache. Nach 7 Jahren auf Service, hatte mir noch nie ein Kunde ein Bier angeboten. Ich antworte amüsiert; „Besten Dank, ich bin gerade nicht durstig. Aber da sie der Erste Kunde überhaupt sind, der mir ein Bier anbietet, überlege ich mir das ernsthaft.“ Er lacht, holt das Bier aus dem Vorratsabteil und sagt; „Ich stelle es schon mal kühl“. Er geht die Treppe hoch und ruft seinen Söhnen auf französisch zu, dass es jetzt an der Zeit ist etwas für die Schule zu tun. „Recht hat er!“ dachte ich. Die Enttäuschung der Söhne ist nicht zu überhören. Die Zeit schreitet voran und befinde mich nun im Abschluss meiner Arbeit. Innerlich habe ich mich schon dazu entschlossen das Bier zu trinken. Einerseits, weil es der letzte Kunde an diesem Tag ist und ich nur noch zurück in die Firma muss. Andererseits, weil es in einer Zeit wie jetzt, befreiend ist mit einem „Fremden“ auf das anzustossen was uns allesamt gleichermassen hinhält. Er bietet mir zudem ein Stück Aprikosenwähe an. Ich sage nicht nein. Auch er hat gerade Homeoffice obwohl er eigentlich Tierarzt in einem Tierspital ist. Vermutlich teilen sich auch die Ärzte die Tage auf damit nicht alle gleichzeitig dort sind. Er beklagt sich, dass die Leute und Arbeitskollegen komplett überreagieren. Jeder denke er wisse besser was nun auf welche Weise zu tun sei. Das kommt mir bekannt vor und erinnere mich an die psychologische Lektüre die ich kürzlich lernen musste, aber das erkläre ich ein anderes mal. Er fährt fort; "Viele Leute verstünden nicht, warum sie ihre Haustiere ausserhalb der Klinik dem Personal abgeben müssen." „Alle sind wie auf Nadeln."Es ist ein historischer Moment der neue Kapitel für künftige Geschichtsbücher schreibt“ sage ich. Er antwortet; „Wissen sie, das Problem ist nicht unbedingt der Virus selbst, sondern die zu wenig vorhandenen Beatmungsgeräte und wenn die Geräte aufgestockt werden können benötigt man zusätzlich speziell dafür geschultes Personal." Er spricht von seinen engen Kontakten im Tessin, die dort gerade überfordernde Ausmasse zu bewältigen haben. „Die müssen echt schwere Entscheidungen treffen wer ans Beatmungsgerät kommt oder nicht. Diese Entscheidung ist schwer aber sehr real.“ Ich überlege kurz, nimm ein Schluck Bier und bemerke dann; „Es ist wirklich erstaunlich. In einem normalen Alltag, ohne Corona, haben es die Ärzte mit den verschiedensten Unfällen, Verletzungen und Beschwerden zu tun, die sie dann auf Verschiedene Abteilungen unterbringen können. Doch jetzt konzentriert sich die Aufsuche der Krankenhäuser zum grössten Teil auf den Coronaverdacht. Überdurchschnittlich viele Menschen haben nun dieselbe Krankheit. Ein Aufteilen ist nicht möglich. Zumal es nicht mit dem normalen Alltag zu Vergleichen ist, bei dem zehn Beatmungsgeräte normalerweise ausreichen, ist jetzt Knappheit mit schwierigen Entscheidungen verbunden, trotz Aufstockung der Geräte.“ Ich wiederhole mich; „Die Problematik ist nicht die, dass Krankenhäuser nicht gut oder unzureichend Ausgerüstet sind, sondern sie sich jetzt weitestgehend den gleichen Behandlung annehmen müssen.“ Ich beisse genussvoll in mein Stück Wähe. Eine Ermutigung ist nicht in Aussicht... Der Tierarzt erklärt, dass es sehr viele Coronaviren gibt, auch bei Tieren. „Der schlimmste wäre derjenige der bei normalen Katzen vorzufinden ist. Würde dieser auf die Menschen springen, würde er die Menschen wegfegen.“ Ich weiss seine trockene Art und Weise echt zu Schätzen. „Na dann hoffen wir, dass das niemals geschieht.“ sage ich, nimm den letzten Schluck und stehe mit entschlossener Aufbruchsstimmung auf. Ich schau auf die Uhr und stelle fest, volle 45 Minuten über den Virus gesprochen  zu haben. Das halte ich aber nicht für weiter schlimm. Es gibt Momente wie diese, die den Arbeitsalltag qualitativ machen. Ich greife mein Werkzeug, verabschiede mich mit den besten Gesundheitswünschen und setze mich in meinen Bus. Ich fahre nicht gleich los. In meinen Gedanken lasse ich das geführte Gespräch kurz auf mich Wirken. Es ist in der Tat ein historischer Moment. Nicht einer der nur die eigene Erfahrbarkeit oder die eines Landes betrifft. Es ist die eine und selbe Wirklichkeit die sich dem ganzen Globus ohne Unterschied offenbart.
Ich betätige die Zündung und fahre los. Es war ein guter Tag. Ich erfreue mich demütig daran, dass wir noch unserer normalen Arbeit nachgehen können. Doch bis dahin blühte mir noch nicht, was ein positiver Test eines nahen Freundes für mich bedeuten sollte.

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