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Abreibtsalltag - Im Gespräch mit Kunden

Coronavirus wohin das Auge reicht - Ein persönlicher Bericht in den Tagen vom 16. bis 23. März.

 

Als gäbe es nicht schon genug, schreibe ich dennoch über Corona. Die Texte berichten von meinem persönlichen Alltag, Wahrnehmungen und den Gedanken die ich mir dabei mache. Deshalb ist der Inhalt dieser Blogs subjektiv und stellt keinen Anspruch auf Richtigkeit. Es ist eher ein Produkt spielerischen Zeitvertreibs in Zeiten wo man zuhause bleiben soll. Trotzdem sind die Begebenheiten wahr, wenn auch in eben diesem spielerischen Geiste erzählt.

Folgende Themen die ich in verschiedenen Teilen behandeln möchte:
1. Arbeitsalltag - Im Gespräch mit Kunden
2. Swiss - Die Flotte ist Parkiert
3. Charaktersache- Aus psychologischer Lektüre interpretiert
4. Persönliche Situation - Von ‚Als wäre nichts‘ bis in die Isolation


Arbeitsalltag - Im Gespräch mit Kunden - Teil 1


Als Servicetechniker bin ich ständig unterwegs und arbeite an Anlagen die ausschliesslich im Keller stehen. Diese Anmerkung sei gemacht um zu verdeutlichen, dass sich an meinem Arbeitsplatz keine grosse Menschenmassen befinden. Tatsache ist, ich bin immer alleine. Eine sehr dankbare Ausgangslage für die ganze Firma - bis jetzt... Meine Kunden sind Institutionen, Heime, Mehrfamilienhäuser usw. Im meisten Fall aber Hausbesitzer. In jedem Fall wird über das Coronavirus gesprochen, es geht gar nicht anders. Die Gespräche finden meistens dann statt, wenn ich mit der Arbeit zu ende bin und dem Kunden das Tablet für die Unterschrift reiche. Es ist sehr interessant zu hören was diese so zu sagen haben. Eine Kundin erzählt von den leeren Regalen in den Lebensmittelgeschäften, woraufhin sie verlegen um sich schaut und mit leiserer Stimme sagt, dass es in dieser Region viele Ausländer gibt. Ich weiss worauf sie hinaus will, sage aber nichts weiter dazu. Ich verabschiede mich, steige in meinen Servicebus und beginne über das nachzudenken was sie gesagt hatte. Ich denke; Mir ist klar, dass sie das nicht aus Fremdenfeindlichkeit, sondern eher aus der tatsächlichen Erfahrung wie sie es erlebt und gesehen hat sagte. Also stimme ich ihr zu, bin aber noch nicht zufrieden. Ganz offensichtlich sind es auch Herr und Frau Schweizer die sich im Wettlauf um Teigwaren, Milch, Dosengemüse, und -von mir aus- Klopapier beteiligen. Also stelle ich beide ‚Gruppen‘ auf den selben Ausgangspunkt. Aber auch an diesem Punkt angelangt, bin ich noch immer nicht glücklich. Der Gedanke muss weitergedacht werden. Ich versuche ein Konstrukt aufzustellen, auf das ich bauen kann. Ich stelle fest, dass mit ‚Ausländer‘ im eigentlichen Sinne viele gemeint sind. Italiener, Serben, Deutsche, Portugiesen, Kroaten, Griechen, Thailänder, Albaner, Türken und so weiter. Viele Kulturen die sich, in einer gleichen Situation befindend, verschieden verhalten. Da aber, vom kulturellen Hintergrund unabhängig, das Handeln der Menschen nur tendenziell verschieden ist, ist Kultur für dieses Konstrukt unbrauchbar. Jede Kultur schiebt Panik wenn ihr eine Bedrohung begegnet. Ich versuche es daher historisch herzuführen. Aber nochmals zurück zur Kundin. Aufgrund des Ortes an dem sie wohnt ist mit klar, dass sie Menschen aus dem Balkan meint. Darum breche ich in diesem Fall die Nationen auf Schweizer und Menschen aus dem Balkan herunter. Also warum genau? Diese Frage lässt mich nicht los. Ich muss für mich ganz persönlich eine legitime Erklärung dafür finden, welche das Einkaufsverhalten der Menschen begründet und zwar für beide Gruppen.
Ich beginne mit dem Balkan. Leider weiss ich viel zu wenig über den Krieg in den 90ger Jahren. Bis der Krieg zu Ende war sollte ich schon 13 Jahre alt sein, bis zur Jahrtausendwende. Die Nachwehen sind immer noch aktuell, ansonsten müssten keine Kafor’s mehr im Einsatz stehen. Das war mir nie so bewusst. Die Erinnerungen and die Grausamkeiten der betroffenen Menschen mag als oberste Schicht der Kohle schon etwas erloschen, zumindest abgekühlt sein. In den unteren Schichten aber brennt noch immer die Glut. Wirft man ein Scheitholz hinein, flammen die Erinnerungen sofort wieder auf. Zu jung ist ihre Geschichte. Wenn dieses Brennholz nun die Coronabedrohung darstellt, so veranlasst es die Menschen sofort dafür zu sorgen, dass ihnen an nichts fehlt. Etwa so wie im Krieg, in der die Lebensmittelversorgung selten gewährleistet ist. Ein zusätzlicher Gedanke wäre dann noch das mangelnde Vertrauen in den Staat. Eine logische Schlussfolgerung, wenn dieser Instabil ist. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Unvertrauen, weil man es nicht anders kennt, auf die Schweiz überträgt. Diese zwei Gedanken sollten mir, ohne Anspruch auf ihre Richtigkeit, als Erklärung erstmal genügen.
Was ist nun mit Familie Schweizer? Meine Vermutung fällt wortarmer aus. Ich bin Schweizer und lebe seit meiner Geburt in friedlichen Zeiten. Die Generation meiner Grosseltern ist die einzige die noch miterlebt hat, wie im 2. Weltkrieg Kartoffeln auf dem Sechseläutenplatz angebaut oder ‚Märkli‘ zur Rationierung verteilt wurden. Diese Feuerstelle ist, ohne es zu verharmlosen, bereits erloschen. Ich denke es ist eher die Macht des Gewohnten und der Selbstverständlichkeit. Man könnte es zu leichtfertig an die Grenze der Überheblichkeit ansiedeln, wäre aber zu unvorsichtig postuliert. In Frage kämen auch Selbst- und Fremdverantwortung. Will ich doch einen konstanten und funktionierenden Staat zu Schätzen wissen. Es gibt aber auch hier Tendenzen. Ein Volk dem es lange gut geht, übersieht gerne ihre eigene Verwundbarkeit. Wird die Sicherheit, welche dem Schweizer das heiligste ist, bedroht, ist es wie mit einer Bombe die ganz plötzlich und unvorhergesehen platzt und mit deren verbundenen Umständen umzugehen wir verlernt haben. Wenn der „Götze“ auf den man vertraut hat fehlschlägt und fällt, springen auch wir all dem nach was uns noch Sicherheit suggeriert. Auch mit dieser Erklärung kann ich leben. Ausserdem bin ich gerade beim nächsten Kunden angekommen. Ich bin mal gespannt was dieser zum Coronavirus zu sagen hat. Ich steige aus meinem Bus und klingle an der Tür.

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