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Die Zeit

Erst vor zwei Monaten, im August, hatte sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker dafür Ausgesprochen, die Zeitumstellung abschaffen zu wollen. Der Grund war eine Umfrage in der die Mehrheit sich dafür entscheiden würde die Sommerzeit bleibend zu erhalten. Zur Zeit wird noch in 28 Länder der Europäischen Union halbjährlich an der Uhr gedreht. Das hätte für uns Schweizer auch Konsequenzen. Wir müssten unsere Zeit die der EU anpassen. Grundsätzlich wäre das kein Problem, denn wir wollten die Zeitumstellung im Grunde niemals einführen. 1978 lehnte das Schweizer Stimmvolk die Sommerzeit ab, welche dann aber nur drei Jahre später 1981 entgegen der Abstimmungen eingeführt wurde. Der einzige Unterschied den wir dennoch hätten wäre derjenige, dass wir in der Schweiz die Winterzeit als Normalzeit sehen und nicht die Sommerzeit. Aber warum eigentlich wurde die Zeitumstellung vorgenommen? Als Ideengeber liegt uns einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten vor. Benjamin Franklin. Er bemerkte, dass das aufstrebende Nachtleben enorme Energie verschwende. Der Energiefresser, die künstliche Beleuchtung. Erst 132 Jahre später aber wurde erstmals die Zeitumstellung tatsächlich eingeführt. Der Grund empfinde ich allerdings, den Umständen entsprechend, als traurig. Am 30. April 1916, zur Zeit des ersten Weltkrieges, wurde im Deutschen Reich und Österreich-Ungarn die Sommerzeit realisiert. Auch hier begründete man, sei es die Energievergeudung die durch künstliche Beleuchtung an langen Sommerabenden anfielen. Durch die verschobene Stunde, konnte man dagegenwirken und unterstützte somit die Materialschlacht zu Kriegszeiten. Ich gehe davon aus, dass hier die Idee von Benjamin Franklin zu rate gezogen wurde. Allerdings ist das bloss eine Vermutung, denn ich konnte diesen Zusammenhang nicht durch Recherche bekräftigen. 1919 wurde die „Kriegsmassnahme“ in Deutschland wider abgeschafft und erst wieder 1940, im zweiten Weltkrieg, wegen den selben Gründen eingeführt. Natürlich haben sich andere Länder dieser Zeitumstellung mitbedient. Allerdings war die Zeitumstellung wie ein Segel im Wind. Sie wurden eingeführt und wieder abgeschafft, gerade so schnell wie sich der Wind wendet. Heute sehen wir uns im 28ten Jahr, in der die Zeitumstellung , so wie wir sie kennen, kontinuierlich vollzogen wird. Nun könnte sich der Wind bald wieder in eine andere Richtung bewegen. Wir bleiben Gespannt.

Was ist Zeit?

Wenn mich niemand danach fragt, weiss ich’s, will ich’s aber einem Fragenden erklären, weiss ich’s nicht. (Bekenntnisse:11 Augustinus)

Ob wir es glauben oder nicht. Seit 3000 Jahren versucht die Menschheit sich einen Reim auf die Zeit zu machen. Heute gibt es hunderte Definitionen was Zeit sein könnte und keine kann von sich Behaupten, dass sie genauer oder relevanter ist als alle anderen Definitionen der Zeit. Der Teil des Gehirns welches quasi die Zeitwahrnehmung ver- und bearbeitet ist noch fast unerforscht. Der Mensch besitzt auch kein Organ zur Zeitmessung. Das finde ich äusserst interessant. Das macht uns zwar nicht zu Zeitverleugnern, aber in meinen Worten gesagt, sagt das aus, dass Gott in uns einen „Sinn“ für die Ewigkeit eingepflanzt hat. Wenn es wichtig wäre, ein Organ zu besitzen, welches die Zeit misst, dann wäre die Zeit ein fassbareres Phänomen. Etwas das so wichtig wäre, wie beispielsweise die Nahrung für den Magen, wenn auch vielleicht nicht ganz so voneinander  Abhängig. Das wir dafür kein Organ haben heisst aber auch nicht, dass wir der messbaren Zeit abwinken. Es ist gut, dass wir sie Messen können und somit nicht dem sinnlosen Zeitvertreib ausgesetzt sind. Wir Messen oder nehmen die Zeit indirekt über Zeichen, Symbole, Wasser und Krügen oder mit Sonne und Schatten usw. wahr.

Für Augustinus war die Zeit immer das Jetzt, sprich, die Gegenwart. Die Vergangenheit ist Vergegenwärtigt indem das Vergangene in der Gegenwart als Erinnerung stattfindet. Die Zukunft ist eine Vergegenwärtigung der Zukunft die in der Vorstellungskraft oder der Erwartung stattfindet. Also noch einmal; was einmal war, ist nicht mehr ausser in unseren Erinnerungen in der Gegenwart, sowie die Zukunft noch nie war und somit nur in unserer Gegenwart vorgestellt oder erwartet wird.
Ich muss sagen, dass ich mich mit diesem Gedanken sehr identifizieren kann. Wir können nur in der Gegenwart etwas ausrichten. Die Gegenwart darf aber nicht der Sklave der Vergangenheit sein, wenn diese zerstörerisch war und sie darf auch kein Sklave der Zukunft sein, wenn sie von Angst bestimmt ist. Vergangenes kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, nur Vergeben und Zukünftiges kann man nicht vorbestimmen oder ins Detail Planen, höchstens beeinflussen. Auf keinen Fall heisst das, dass man sich nicht mit Erinnerungen und Erwartungen auseinandersetzt. Was ich sagen will ist; Gegenwart ist der permanente Entscheidungszustand was man aus den Erinnerungen und Erwartungen macht. Aber ohne die Entscheidung in der Gegenwart, bleibt das Leben an den Ketten der Vergangenheit und an des Fesseln der Zukunft gefangen gehalten.

Was die Zeit damit zu tun hat? Zeit, so sagt man, ist die Erfahrung von Ereignissen. Wir bleiben bei Augustinus der sagt; „Wollen wir uns über die Zeiten beklagen? Nicht die Zeiten sind gut oder schlecht. Wie wir sind, so sind auch die Zeiten“. (Augustinus)

Interessanterweise sagt er hier; Wie wir sind, so sind die Zeiten. Denn es ist für uns jeden realistisch, dass das persönliche Leben auch von Handlungen anderer Menschen beeinflusst und geprägt wurde. Die Zeit kann aber nicht dafür die Schuld bekommen, dass die Dauer einer schlechten Erfahrung, die nun in unserer Erinnerung eingebrannt ist, stattgefunden hat. Genaus so wenig kann die Zeit das Lob von uns bekommen „gut“ zu sein, wenn während jener Dauer eine gute Erfahrung gemacht wurde. Die Zeit ist einfach da. Sie tut einem nichts schlechtes noch etwas gutes an. Wie wir sind, so sind die Zeiten.

Sollten wir aber zu sagen Pflegen, in guten wie in schlechten Zeiten, dann ist das im Grunde eine Bemerkung die ausdrückt der Zeit Untertan zu sein. Genau das könnte man dem Regelwerk der Uhr verdanken, nach dessen Takt wir uns Unterwerfen. Und in der jetzigen „Erfahrungsdauer“, in der exponentieller Wachstum und stetige Beschleunigung innerhalb der 24 Stunden eingepferchtem Regelwerk, werden wir immer mehr unter das Joch der messbaren Zeit eingesperrt. Der Zeitkäfig ist die Uhr, sie ist eine gesellschaftliche Institution. Ich finde Interessant was hier Professor Dr. Karlheinz A. Geissler in seinem sehr lesenswertem Buch „Enthetzt Euch!“ schreibt:
Was kennzeichnet dieses mechanische Denken?
Mechanisches Denken und Handeln ist taktförmig, nicht rhythmisch. Es transportiert die Vorstellung, man könne den Menschen und seine Aktivitätspotenziale wie einen Kippschalter ein- und ausschalten. Der Rhythmus hingegen schwingt, verläuft in Auf- und Abstiegen. Rhythmen haben Anfang, Ende und Übergänge. Takte kennen nur das „ein“ und „aus“.  Er bemerkt weiter, dass Arbeitsunfälle meistens zu beginn der Arbeit geschehen. Während die Maschinen eingeschaltet werden und auf Anhieb funktionieren braucht der Mensch eine Anlaufzeit. Weiter sagt er: „Heute verführen uns die vielen kleinen Geräte, die uns durch den Alltag begleiten, das Anfangen und das Aufhören durchs Ein- und Ausschalten zu ersetzen“.
Ja wir haben durchaus viele Erfindungen, Kurse, Geräte und dafür entwickelte Software und Apps, die uns dabei verhelfen sollen möglichst vieles in möglichst kurzer Zeit, möglichst effizient in dem Käfig der 24 Stunden zu bewältigen. Plötzlich kam das Wort Zeitmanagement auf. Auch hier sagt Herr Geissler spannendes dazu: „Zeitmanagement läuft auf Beschleunigung hinaus. Was man dort zum Beispiel nicht lernt, ist das Warten, das Pause machen, das geduldig sein, kurzum, mit einer Vielzahl unterschiedlicher Zeitqualitäten umzugehen. Ganz abgesehen von dem unrealistischen Sachverhalt, dass das Zeitmanagement sich immer nur auf Einzelpersonen, die mit Zeit umgehen, bezieht. In der Realität aber ist Zeitplanung und der Umgang mit Zeit immer eine Angelegenheit mehrerer Personen. Denn man lebt ja in sozialen Zusammenhängen.. Selbst mit der eigenen Zeit kann man nicht souverän umgehen. Ich kann meine Müdigkeit und meine Krankheiten nicht beliebig zeitlich manipulieren, will ich nicht zu Medikamenten greifen. Zeitmanagement unterwirft sich der Logik der Uhr und des Kalenders. Deren Logik aber ist qualitätslos, vertaktet, standardisiert, letztlich unmenschlich“.

Fühlen Sie sich auch oft der Institution „Zeit“ untertan oder ist Ihnen garnicht  mehr bewusst, dass sie Ihr Leben innerhalb dieses Käfigs Managen?
Wir haben kein Organ, welches die Zeit misst. Hat Gott in uns ein Stück seiner Ewigkeit eingepflanzt? Ist es nicht er, der die Zeit geschaffen hat aber deswegen als Schöpfer nicht der Zeit unterworfen ist sonder über der Zeitlinie steht wie wir sie kennen? Es heisst doch von Ihm, das ein Tag wie tausend Jahre sind und tausend Jahre wie ein Tag. Ich möchte ein paar Ausschnitte aus dem Buch Pardon ich bin Christ von C. S. Lewis (Ein Lieblingsautor von mir) zu diesem Gedanken anfügen.

„Hinter dieser Schwierigkeit steckt also im Grunde  der Gedanke, dass Gott zu viele Dinge in einen einzigen Augenblick Zeit zwängen muss. Bei uns ist das natürlich so. Unser Leben läuft immer einen Moment nach dem anderen ab. Ein Moment entschwindet, bevor der nächste kommt, und in jedem einzelnen von ihnen ist nur Raum für sehr wenig. Das ist nun einmal die Beschaffenheit der Zeit. Und natürlich erscheint es Ihnen und mir ganz selbstverständlich, dass diese Rheinfolge der Zeit - diese Anordnung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - nich einfach nur die Art und Weise ist, wie wir das Leben erfahren, sondern die Art und Weise, wie alle Dinge wirklich bestehen. Wir neigen zu der Annahme, das ganze Universum und Gott selbst seien stets auf dem Weg von der Vergangenheit in die Zukunft. Genau so wie wir.“ (C.S. Lewis, Pardon ich bin Christ, 3, S.182/183)

„Nahezu sicher ist, dass Gott nicht in der Zeit ist. Sein Leben besteht nicht aus aufeinanderfolgenden Momenten. Wenn heute Abend um halb elf eine Million Menschen zu ihm beten, muss er nicht ihnen allen in dem winzigen Zeitschnipsel zuhören, den wir halb elf nennen. Halb elf -  und jeder andere Moment seit Anbeginn der Welt - ist für ihn immerwährende Gegenwart. Wenn sie es so ausdrücken wollen, steht ihm die ganze Ewigkeit zu verfügung, um dem Stossgebet eines Piloten zuzuhören, dessen Flugzeug gerade in Flammen aufgeht“. (C.S. Lewis, Pardon ich bin Christ, 3, S. 183)

Eine andere Schwierigkeit, die wir bekommen wenn wir uns Gott in der Zeit denken, ist folgende: Jeder, der überhaupt an Gott glaubt, glaubt auch, dass er weiss, was Die und ich morgen tun werden. Wenn er aber weiss, dass ich dies und jenes tun werde, wie kann ich dann die Freiheit haben, etwas anderes zu tun? Auch hier kommt die Schwierigkeit wieder daher, dass wir denken, Gott bewege sich genau wie wir entlang der Zeitlinie. Der einzige Unterschied sei, dass er die Zukunft voraussehen könne, wir aber nicht. Wenn das aber so wäre, wenn Gott unsere Taten ‚voraussehen‘ könnte, dann wäre es sehr schwer zu begreifen, inwiefern wir frei wären, sie nicht zu vollbringen. Aber angenommen, Gott stünde ausserhalb und über der Zeitlinie. In diesem Fall wäre das, was wir „morgen“ nennen, für ihn „jetzt“. Er erinnert sich nicht an das, was Sie gestern getan haben. Er sieht Sie es einfach tun, denn obwohl Ihnen Gestern entglitten ist, ist es für ihn noch da. Er sieht nicht „voraus“, was sie morgen tun werden, sondern er sieht Sie es einfach tun. Denn obwohl das Morgen für Sie noch nicht gekommen ist, ist es für ihn schon da. Sie würden nie auf den Gedanken kommen, dass Ihr Handeln in diesem Moment irgendwie weniger frei wäre, nur weil Gott weiss, was Sie tun. Nun was Sie morgen tun, weiss er auf  die genau selbe Weise - weil er bereits im Morgen ist und Sie einfach dabei beobachten kann. In gewissem Sinn weiss er nicht, was Sie tun, ehe Sie es getan haben. Nur ist der Moment, in dem Sie es getan haben, für ihn schon „jetzt“. (C.S. Lewis, Pardon ich bin Christ, 3, S.185/186)

Unser endliches Denken, kann ewiges nicht Fassen. Wir können der Zeit kein Wesen geben. Bis heute haben wir keine Erklärung für Sie. Nur Meinungen die allesamt eine gewisse Berechtigung haben. Das alleine bedeutet für mich, dass es ein Privileg ist, dass Gott in mich und in jeden Menschen ein Stück seiner Ewigkeit hineingelegt hat. Eine innere Sehnsucht, die sich nach Ihm sehnt. Nach diesem Gott der Gestern, Heute und Morgen der Selbe ist und in Ewigkeit besteht. Er der kein Anfang und Kein Ende hat aber in unserer Fassbarkeit der Wirklichkeit der Anfang und das Ende ist.

Zeitumstellung hin oder her. Mir bereitet sie zweimal jährlich eine Freude im sinn von einem Happening wie ich es einmal jährlich den Scherzen am 1. April zuschriebe. Es ist einfach da, für einen kurzen Moment, um eine Stunde und nur eine Dauer später ist sie vergessen. Sie bedeutet mir nichts näheres. Ich habe dafür keinen Nutzen, benutzen wir doch mittlerweile Sparlampen, nur hoffentlich nicht für die Beleuchtung von Kriegsmaterial. Lassen wir sie weiter bestehen, dann bleibe ich in dem was ich mir gewohnt bin, lassen wir sie bleiben, dann würde es mir wohl kaum auffallen. Immerhin lässt uns die Zeitumstellung zweimal im Jahr über sie Berichten und Erinnern. Und sie bietet Gelegenheit über die Zeit nachzudenken und über sie zu schreiben.

Ich wünsche Ihnen einen schönen und erholsamen Sonntag.



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Weitere Interessante Zitate und Worte:

Es sieht so aus, als müssten wir uns noch länger mit der kuriosen Situation abfinden, die Zeit mit nie da gewesener Präzision messen zu können - die Sekunde inzwischen bis auf die 18. Stelle hinter dem Komma -, aber nur sehr unpräzise Antworten geben können, wenn wir gefragt werden, was wir da eigentlich so genau messen.

Zeit ist Leben, und Leben ist Verantwortung, und Verantwortung bestimme eure Zeit. (Augustinus)

Was raten Sie stattdessen, wenn die Zeit knapp wird?
Seinlassübungen. Und die gehen so: Überlegen Sie sich am Abend zuvor, was Sie am nächsten Tag sein lassen können. Sie werden sehen: Das ist eine ganze Menge. Vergessen Sie aber nicht das, was Sie sich vorgenommen haben, am nächsten Tag auch sein zu lassen. (Enthetzt Euch. S39)

Wir zählen die Tage und vergessen dabei, dass jeder Tag zählt. - Toby Ferrari

Denn all das, was von der To-do Liste abweicht, wird zu einer Störung. Die schönsten Dinge des Lebens aber kommen überraschend. (Enthetzt Euch)

Die beschleunigte Zeit hat auch die Auswirkungen in anderen Dingen die wir „müssen“. Eine immer hektischere Zeitwahrnehmung stichelt uns an, mehr arbeiten oder häufiger verreisen zu müssen. Und wenn auch die Ferien zu einer To-do Liste werden, dann ist unser leben nichts weiter als ein Häftling im Zeitkäfig.


Siestakultur meint erheblich mehr als nur Zeit zum Dösen zu haben. Diese zeit des mittäglichen Leistungstiefs bietet sich an, mit anderen Menschen gemeinsam zu essen und sich auszutauschen und zu unterhalten, also soziale Zeit zu leben, wie es der ursprüngliche Sinn der Siestakultur ist. Das lässt sich nicht sinnvoll in einer halbenStunde erledigen. Power-Napping hingegen folgt der technischen Vorstellung, man könne den Körper, einem leeren Akku gleich, im Handumdrehen wieder aufladen. Ich halte viel von Nickerchen, aber bitte ohne Power, denn davon soll man sich ja gerade erholen.

Goethe: „Mit Ungeduld bestraft sich zehnfach Ungeduld; man will das Ziel heranziehen und entfernt es nur.


Jean Paul (Dichter): Kinder und Uhren dürfen nicht ständig aufgezogen werden, man muss sie auch gehen lassen.

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